Bequemlichkeit am Selbstfindungsweg
Ich weiß, was für mich gut ist - oder auch nicht? Wer kennt es nicht: Man spricht Mantren, meditiert und erlebt unterschiedlichste Formen der Selbsterfahrung. Und irgendwann erreicht man den Punkt, an dem man sich wohl fühlt und... stehen bleibt, parkt und Pause macht. Zu gut geht es dem "Ich" in der jetztigen Situation. Alles scheint erreicht, "ich" bin zufrieden. In diesem Artikel schildert Sandra Maria Schellander ihre Erfahrungen am Selbstfindungsweg.
Was ist Bequemlichkeit? Ist das etwas Schlechtes, ist es Disziplinlosigkeit? Oder ist es Gelassenheit, quasi etwas Anstrebenswertes, also was Gutes? Ist es etwas Ernstzunehmendes? Ach was! Es ist, was es ist und alles ist gut! Oder doch nicht?! Nun, im letzten halben Jahr schenkte ich dieser Eigenschaft, die manche Menschen als die meine bezeichneten, etwas Aufmerksamkeit. Ich schickte auftretende Verhaltensweisen, Wünsche und Bedürfnisse durch den Bequemlichkeits-Scann und beobachtete.
Folgende Ausgangssituation zeigte sich mir:
Ich lebe nach meinen Launen, vermeide oft Verbindlichkeiten. Das Übernehmen von Verantwortung ist für mich unangenehm. Erwachsenwerden bzw. -sein halte ich für unbequem, ebenso anderen zu dienen auf Kosten der eigenen Bedürfnisse… unbequem. Prinzipiell gegen meine (Ego-)Bedürfnisse zu handeln, ist unbequem! Zum Beispiel in die Arbeit zu fahren anstatt im Bett liegen zu bleiben! Es ist einfach unbequem, sich vom Fleck zu bewegen – in jeder Hinsicht. Wozu so viel arbeiten? Ich brauch nicht viel Geld, ich könnte viel weniger arbeiten und viel mehr spazieren gehen, lesen, Katzen streicheln usw.. Wunderbarer Gedanke! So weit so gut. Nun versuchte ich die Ecke in mir aufzustöbern, aus der dieser Hang zur Passivität rührt. Ich fand zwei solcher Ecken. Die eine hieß Angst. Angst, etwas anzugehen, was von Bedeutung ist. Angst vor unangenehmen Konsequenzen des Handelns. So nach dem Motto: „Bevor noch was Blödes dabei rauskommt, tu ich lieber nix.“
Wozu tun?
Was aber in meinem Fall viel mehr vorherrschte, war das Fehlen von Motivation, keinen Sinn erkennen können, wozu tun, wenn nicht tun genauso gut ist? Mir erschien alles Tun so sinnlos, ja ich haderte sogar mit dem Sinn meines ganzen Lebens. Wozu all das? Irgendwann kräht kein Hahn mehr danach, was ich getan oder nicht getan habe. Und selbst, wenn ich irgendwas „Nachhaltigeres“ auf die Beine gestellt hätte – welchen Unterschied macht es, wenn alles sowieso gut ist, wie es ist?
Solche Gedanken können ganz schön quälend sein und hinterlassen ein echt miserables Gefühl. Aber was hilft? Vielleicht sind das ja gar keine Fragen, die für den Verstand bestimmt sind, zumindest nicht in letzter Instanz. Klar hilft der Verstand, bis zu einem gewissen Punkt und man merkt, wenn dieser Punkt erreicht ist, dann beginnt sich nämlich alles im Kreis zu drehen, na, nicht alles, halt die Gedanken. Dann wird es Zeit dieses Denk-Werkzeug wegzulegen und… und... ja, was eigentlich? Ab nun gibt es keinen Plan mehr, keine Anleitung, wie vorzugehen ist. (Gab es das überhaupt irgendwann?) Man muss sich vom Gewohnten verabschieden und sich dem hingeben, was kommt, was einem bereitet wird von der Quelle, aus der alles entspringt, all dem Raum geben, was der Strom dieser Quelle mit sich führt. Ich glaube, das ist nicht schwer.
Angst und Vertrauen
Angst und alte Kontroll-Gewohnheiten hindern einen, diese Leichtigkeit anzunehmen und dem Leben zu vertrauen. Vertrauen. Das ist es nämlich, worum es geht. Dem unendlich weisen Lebensfluss Vertrauen zu können, ist der Schlüssel. Alles andere folgt. Es stellt sich nicht die Frage nach dem Sinn des Tuns, wenn ich die Weisheit des göttlichen Stromes erkannt habe und wahrhaftig vertraue. Was kommt, ist da, und ich gebe diesem Sein Raum. Das ist zu tun, nicht mehr und nicht weniger. Dieses Vertrauen, von dem ich spreche, ja wie kann man das erlernen, spüren und leben? Achtung, unbequeme Antwort: Bei diesem Prozess spielen Beharrlichkeit und Disziplin eine wesentliche Rolle. Wie das? Naja, zugegeben, manchen Menschen wird gesagt: „Lass los und vertraue!“ Und sie tun´s. Nur Gott weiß, wie die das machen… Motivations- und Sinnlosigkeit entstehen, wenn sich die Aufmerksamkeit zu sehr auf das eigene Ich beschränkt. Man hat es sich so fein eingerichtet, es ist alles da, was man zum Leben braucht. Ansprüche auf Luxusgüter hat man nicht (schulterklopf), man ist also wunschlos glücklich. Kurz aufkeimende Begehrlichkeiten liest man mit einem Buch wie „Begrenzung der Wünsche“ einfach weg, und das Leben hält wieder brav still.
Es ist auf jeden Fall anstrebenswert, Wünsche nach Objekten im Außen loszulassen. Nur ist dies nicht das Ende des Weges. Denn einen Zustand zu erreichen, indem man alles hat, was man zu brauchen glaubt und deshalb keine unruhestiftenden Wünsche mehr da sind, ist zwar wunderbar und man kann unendlich dankbar dafür sein, aber man darf an dieser Stelle nicht stehen bleiben. Kann man ja auch gar nicht, denn früher oder später, wenn man sich lange genug um sich selbst gedreht hat, stellt sich eine Art Leere ein, die ein wahrer Segen ist, denn Leere will gefüllt werden… Und an dieser Stelle wird es spannend. Welche Fülle nehme ich? Mohn, Nuss, Apfel oder Gott?
Entscheidungen
Ich muss mich entscheiden. Gut, ich habe entschieden. Die ersten drei hatte ich schon ganz oft. Ich nehm` also Gott. Nur wie geht der hinein in mein kleines gemütliches Leben?
Nun, es entspricht nicht meiner Vorstellung, dass ich Gott in mein Leben hineintun muss. Mein Leben…, wessen Leben? Leben ist Gott. Ich bin in Gott, eins mit Gott. In den Momenten, wo ich mich diesem Wissen hingebe, spüre ich den Fluss, der mich durch meine Lebenssituationen führt, ich vertraue dem Fluss, ich gebe mich ihm hin, und die Frage nach dem Sinn des Handelns ist in dem Moment verschwunden. Ich sehne mich dann danach, alles zu tun, was zu tun ist, mit Demut und Hingabe möchte ich tun, was immer mir bereitet wird.
Zu dem Zeitpunkt, als ich dies schrieb, kamen die Worte aus einer tief empfundenen Wahrheit begleitet von Tränen der Erkenntnis. Es folgte eine Zeit der Glückseligkeit und der Freude am Tun. Ich begann aus einem inneren Antrieb heraus täglich zu meditieren und freute mich des Lebens. Doch eines Morgens schlich sich ein altbekanntes Gefühl wieder ein: „Ich mag nicht in die Arbeit fahren, denn dazu müsste ich ja aus dem Bett kriechen und das ist doof, bähh!“ Was sollte das denn? Ich dachte, ich wäre das los?! Nö, anscheinend nicht. Ein wenig enttäuscht über meinen „Rückfall“, aber mich erinnernd an das Vertrauen, in das, was ist, machte ich mich auf in die Arbeit, und langsam über den Tag kam die Freude zurück. Am nächsten Tag das gleiche Schauspiel… Es dauerte einige Zeit, bis sich diese morgendlichen Vorführungen meines Egos legten und ich mich wieder unbehelligt davon über die wundervollen Morgenstunden freuen konnte.
Göttliche Weite
Die Momente, in denen ich das Leben so voller Freude wahrnehme, beginnen sich auszudehnen. Die Täler, durch die ich auch manchmal gehe, werden weniger tief und kürzer. Und eines verliere ich nicht mehr aus den Augen: Gott. Und hier ist die Beharrlichkeit so wichtig: Es geschieht, dass ich mich manchmal vom Außen sehr bezirzen lasse und mich dann von Gott weiter entfernt fühle. Wenn das geschieht, halte ich inne und richte mich ganz klar aus. Ich lese dann z. B. einige Zeilen von Baba oder Paramahansa Yogananda. Und ich meditiere mehr. Das Meditieren ist ohnehin das wunderbarste Werkzeug, das uns zur Verfügung steht, um Gott zu erkennen. Man muss es nur in die Hand nehmen und benutzen. Was hält einen nur immer wieder davon ab? Also, da muss wohl niemand drei Mal raten, um darauf zu kommen… Ich habe zu Beginn gefragt, ob Bequemlichkeit etwas Ernstzunehmendes ist. Es ist mit ihr, wie mit der Angst. Wenn man ihrer nicht Herr wird, hält sie einen davon ab zu leben. Also würde ich sagen, ja, Bequemlichkeit ist etwas Ernstzunehmendes. Solange, bis sie das nicht mehr ist.
Zu guter Letzt möchte ich hier noch ein Selbstgespräch wiedergeben, das ich schrieb, als ich es so richtig satt hatte, mich in Kleinheit zu suhlen. Möglicherweise helfen die Zeilen dem einen oder anderen in einer ähnlichen Situation:
- „So. Schluss damit. Sei groß, sei stark, sei mutig, sei diszipliniert. Es gibt keinen Grund länger Schaf zu spielen. Deine Natur ist so viel größer als das. Nutze deine Fähigkeiten, um der Welt zu dienen! Wenn du die Bequemlichkeit und Angst überwindest, bist du unendlich gut in allem, was du machst!
- Und lasse das Leben fließen, lass es fließen und bedanke dich für jede Windung, jeden Stein und jede Überraschung! Es ist dir bestimmt, es ist dein Geschenk von Gott, wie kannst du es nur in Frage stellen oder sogar mit Füßen treten?!
- Wehre dich nicht gegen die Geschenke deines unendlich weisen Selbst! Es bringt nur hervor, was hervor zu bringen ist.
- Leid entsteht, indem du die Geschenke aus der Quelle bekämpfst. Hör auf damit!!!
- Sei gewiss, dass alles zu deinem Besten geschieht und wenn es noch so furchtbar erscheinen mag. Es ist Für Dich! Bete und bedanke dich. Sei ausgerichtet auf die Quelle, auf Gott. Vertraue!“
Soweit die Auszüge aus den vergangenen Monaten der Sandra S.
Alles Liebe
Sandra
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