Wenn das Ich nichts haben will, kann es auch nichts verlieren
Die einzig wissenschaftliche Methode ist das Experiment… In Ihrem tiefgründigen und humorvollen Erfahrungsbericht schildert Nina Lassnig ihre persönliche Erfahrung am Weg zum Selbst! Was geschieht, wenn das Ich an Kontrolle verliert und sich stattdessen Präsenz einstellt? Nina zeigt auf, wie tiefe spirituelle Erkenntnis auf berührende Weise jedem zu Teil werden kann, denn jeder Augenblick ist geeignet und mehr noch perfekt dafür.
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"Schweigeretreat vom 27.08.11 - 03.09.11. Veranstaltungsort: Toskana, Monte Antico, 58045 Paganico, in der ehemaligen Kirche San Tomaso." Kaum hatte ich es gelesen, konnte ich auch schon meine Hand beobachten, wie sie sich selbständig die Mausklicks durchs Internet suchte, um mich für dieses Retreat anzumelden. Ein verzweifeltes "Ich kann mich ja noch bis Ende Jänner stornofrei abmelden" beruhigte mich wieder. Nachdem die stornofreie Zeit verstrichen war, war klar, dass ich mitfahren würde. Und ab da begannen die beiden Phasen des "Kaum-erwarten-Könnens" und "bitte, bitte, August, falle in diesem Jahr aus" sich abzuwechseln, manchmal sogar im Minutenrhythmus. Meistens freute ich mich, wenn ich an eine schweigende Woche dachte. Doch gerade in Situationen, in denen ich kribbelig, gestresst und voller nervlicher Anspannung war, konnte ich es mir nicht und nicht vorstellen, mit diesen Gefühlen und Gedanken unterm Olivenbaum zu sitzen und NICHTS tun zu dürfen, um mich vom Stress abzulenken.
Die Vorbesprechung, während der wir mitgeteilt bekamen, dass wir außer Luftholen so ziemlich gar nichts durften, ließ die Vorfreude nicht gerade erblühen. Eine Freundin, mit der gemeinsam ich die Autofahrt antreten wollte, fuhr plötzlich nicht mit und die Aussicht auf 800 km alleine im Auto schmälerte weiters die kaum mehr vorhandenen Freude. Die Woche vor dem Retreat, die wir in Stille und möglichst ohne äußere Ablenkungen verbringen sollten, verbrachte ich auf einem Ärztekongress. Irgendwie schien alles dagegen zu sprechen, dass ich wirklich in die Toskana fahren sollte. Und doch, irgendetwas brachte selbständig jedes Problem zum Verschwinden, bevor ich ernsthaft an Absage denken konnte.
Wechselbad der Gefühle
Die Fahrt verlief problemlos. Als wir gegen 16:00 Uhr Monte Antico erreichten und ich die Kirche sah, den blauen Himmel und die vielen Olivenbäume, wusste ich, dass ich hier richtig war. Bei der Registrierung 10 Minuten später wusste ich, dass ich mich geirrt hatte: mein Zimmer mit 5 Frauen teilen! Bei dem Gedanken an eine einzige Person in meinem Bett hatte ich schon Probleme. Aber zu 6t im Zimmer….das geht ja wohl gar nicht! Quasi als Entschädigung durften wir uns einen Block aussuchen, auf den wir unsere Fragen, die im Laufe der Woche auftreten würden, aufschreiben sollten, damit sie dann bei den abendlichen Gesprächen behandelt werden konnten. Wahnsinn…. Ich beobachtete die anderen, denen es scheinbar nicht egal war, ob ihr Block rosa, himmelblau oder doch lachsfarbig sein sollte. Hatten die keine WIRKLICHEN Probleme? Zu 6t im Zimmer! DAS war ein "wirkliches" Problem. Im Zimmer angekommen stellte ich zu meiner Erleichterung fest, dass das "Zimmer" ein Appartement war und ich wenigstens nur mit einer einzigen Person das Bett teilen musste (Karin, du warst wundervoll! DANKE!). Nachdem wir alles wirklich essentielle ausgeredet hatten (zB. ob wir 6 Damen alle unsere eigenen, selbst mitgebrachten WC-Papier-Rollen bräuchten oder ob wir stattdessen nur eine Rolle nach der anderen aufbrauchen sollten) gingen wir zur Kirche, um mit dem Schweigen zu beginnen.
Läute doch endlich die Glocke...
Matthias erzählte noch irgendwelche Sachen, bevor er das Schweigen mit einem Glöckchen einläuten würde. Ich dachte mir nur ungeduldig: "Läute doch endlich diese Glocke, ich hab solche Sehnsucht nach Ruhe, Stille und Frieden nach diesen sinnlosen Stressattacken während der letzten Stunden."
Mein Wunsch wurde erhört, es erklang ein Glöckchen, das mich an Weihnachten erinnerte, und damit war Ruhe. Stille. Frieden. Das gemeinsame Essen in Ruhe zu verbringen ohne small-talken zu müssen, aufzustehen, wenn man fertig gegessen hat, sich nicht zu kümmern, ob ein Mail, ein Anruf oder Sonstiges dringende Erledigung benötigte, allein der Gedanken daran entspannte mein gemartertes Hirn. Ich war so glücklich, ich war so im Frieden. Es war einfach nur herrlich. Das Läuten dieses Weihnachtsglöckchens hatte jetzt schon mein Leben verändert! Stille Nacht! Halleluja!
Am nächsten Tag ging ich um 5 Uhr morgens in die Kirche zur Morgenmeditation. Kurze Zeit später verließ ich die Kirche wieder. Es war mir dort zuviel Wirbel. Und so setzte ich mich alleine auf die Terrasse des Appartements, blickte hinunter in die Toskana, sah das Glitzern des Flusses, der sich seinen Weg durch die Felder bahnte, beobachtete wie die Sonne über den italienischen Hügeln aufging und war rundum zufrieden.
Nach dem Morgentee suchte ich mir einen Olivenbaum. Nein, falsch, ich ließ mich von einem Olivenbaum finden. Matthias sagte ja: "Seid präsent, entscheidet im Moment, was ihr tun sollt und überlegt euch nicht vorher, was ihr machen werdet". Es war ein Experiment. Also wollte ich eine Woche lang alles anders machen, als ich es gewohnt war. Ich konnte ja ab nächster Woche wieder meinem gewohnten Rhythmus folgen, wenn diese Woche ein Schwachsinn werden würde. Also streifte ich glücklich und unbesorgt durch den Olivenhain und wartete auf den Ruf von irgendwas. Komischerweise rief mich auch irgendwas. Und zwar ein Olivenbaum. Einer, den ich mir persönlich nie ausgesucht hätte. Er bot keinen gemütlichen, weichen Untergrund, spitze Steine lagen herum und der Schatten, den er spendete war auch nicht sensationell. Aber er zog mich an. Ich setzte mich also darunter, schmiegte mich an den Stamm und kurze Zeit später waren der Baum und ich und die Toskana, der Himmel, die Sonne und die Steine, die piksten, lästige Ameisen und gefährliche Wespen, alles war eins.
Ananda irrt sich in der Adresse
Es war wundervoll. Es war göttlich. Diese Gefühl war soo bekannt. Und dadurch, dass ich es mir hier einfach erlaubte und mein rationales Hirn nicht sofort die Notbremse zog (es war ja ein Experiment und ich war berechtigt, so etwas "Sinnloses" zuzulassen), war es noch intensiver als ich es jemals erfahren hatte. Mir liefen unzählige Tränen die Wangen hinunter, alles war so perfekt, so gut. Nichts hätte dieses Gefühl toppen können. Als Matthias am Abend bei den Gesprächen sagte, dass dieses Gefühl "Ananda", also die absolute Glückseligkeit, sei, war ich extrem verunsichert. Ich und Ananda! Ananda erfahren doch nur heilige Menschen. Aber nicht ich! Nicht am ersten Tag. Ich hatte ja nichteinmal anständig meditiert in der Früh! Da muss sich Ananda wohl in der Adresse geirrt haben! Mit der Aufgabe, die wir bekamen, die Gedanken zu beobachten und dieses ICH zu entlarven, das uns ständig klein machen will, konnte ich mich irgendwie wieder fangen und es als eventuell vielleicht doch ein bisschen möglich annehmen.
Am nächsten Tag saß ich wieder unter einem Baum. Diesmal wartete ich auf meine neue Freundin Ananda. Doch sie kam nicht. Ich wartete und wartetet und wartete… Sie hatte heute offenbar die richtige Person gefunden, zu der sie eigentlich schon gestern gehen wollte. Wusste Ichs doch… wusste WER? Ich blickte wieder in die wunderschöne Toskana, schaute den Blättern im Wind zu, spürte die heiße Sonne und beobachtete mein Ego. Nachdem Ananda heute vermutlich nicht mehr kommen würde, konnte ich auch genausogut die schöne Landschaft genießen und mein Ich beobachten, anstatt auf diese unverlässliche Ananda zu warten. Und wie ich so beobachtete, erinnerte mich dieses Szenario an meinen 3-jährigen Neffen.
Wenn er spielt, dann spielt er nicht, sondern dann IST er das Spiel. Er SPIELT nicht Baggerfahrer sondern er IST der Baggerfahrer. Genauso glaubte da mein kleines ICH, dass es in meiner Welt tatsächlich die Herrschaft innehat, dass all die Rollen, die das Ich ständig spielt, all die Gedanken, die sich im Kopf im Kreis drehen, tatsächlich die Wirklichkeit sind, und noch schlimmer, dass das alles ich bin! Doch wie oft stellt sich im Nachhinein heraus, dass all die Gedanken, die man denkt und die uns oft in einen Strudel von schmerzvollen Emotionen hineinziehen, dass diese Gedanken jeglicher Grundlage entbehrten? Was ist dann Wirklichkeit? Was ist dann real? Alles könnte genauso gut auch das Gegenteil sein. Und wir glauben, dass wir diese Rollen, diese Gedanken wären und dass dieses Schauspiel echt sei…
Erkenntnis
Ich saß also und beobachtete und auf einmal überkam mich diese unbeschreibliche, überwältigende Liebe zu meinem kleinen Ich, zu all diesen vielen kleinen Ich,s die mir ständig irgendetwas einzureden versuchen. Und da war wieder diese Glückseligkeit. Wenn ich doch nur wüsste, wie ich dazu komme, ich würde es niederschreiben. Aber ich weiß es nicht. Ich kann den Weg dahin beschreiben. Aber dann, ganz plötzlich, übergibt das Ego die Führung und es ist nichts mehr notwenig. Es passiert nichts und es passiert alles. Ich nehme nichts mehr bewusst wahr und nehme plötzlich alles ganz bewusst wahr. In dieser Phase gibt es keine Fragen, alles ist klar. In diesem Moment gibt es keine Bedürfnisse, keine Trennung, keinen Schmerz und keine Angst. Alles ist gut. Hach, wie oft las ich diese Worte schon -"Alles ist gut" - und wie oft dachte ich, dass das alles nur Licht-und-Liebe-Gefasel sei, etwas, das man sich einredet, wenn einem die Sorgen ansonsten den Boden unter den Füßen wegziehen würden und man sich anders nicht mehr zu helfen weiß. Aber diese Worte stimmen. Ich habe sie erfahren. Ich weiß jetzt, dass alles WIRKLICH gut ist, dass es genau so gut ist, wie es eben gerade ist. Es ist gut, weil es IST.
Die weitere Woche verlief mehr oder weniger ruhig. Nicht nur wegen dem Schweigen im Außen. Ich hatte keine körperlichen Beschwerden, keine Angstzustände, keinen Schmerz und keine Traurigkeit. Gedanken hatte ich. Viele. Aber es waren nicht mehr meine Gedanken. Ich identifizierte mich nicht mehr damit. Und sobald ich sie beobachten konnte, verschwanden nicht nur die Gedanken, sondern auch die damit verbundenen Gefühle. Ich war ruhig, ich war Stille. Vor dem Schweigeretreat dachte ich, es wäre ziemlich langweilig, keine Gefühle mehr zu haben. Aber ich kann es nur so erklären: Es ist, als wenn sich eine Verliebtheit wandelt in tiefe Liebe. Auch da gibt es keine riesigen Gefühlsausbrüche mehr, aber das Neue, diese innige Liebe und die Verbundenheit sind soviel tiefer als das oberflächliche Auf und Ab der ersten Verliebtheit.
Die einzig wissenschaftliche Methode ist das Experiment. Ich habe experimentiert. Und das war gut so. Das hat mir mehr Erkenntnisse gebracht als all die Bücher, Kurse und Seminare, die ich mit meinem ach so gut trainierten Gehirn, auf das ich immer so stolz war, aufgesaugt hatte. Ich dachte immer, mit diesen 2mm Hirnrinde könnte ich die Wirklichkeit erklären. Die Realität kann man vielleicht damit erklären, aber nicht die Wirklichkeit.


