Vertrauen des Mönches

Vertrauen am Selbstfindungsweg

Der Sinn von Selbstfindung liegt in der Erkenntnis der wahren Natur des eigenen Seins. Vertrauen ist der Schlüssel zur Selbsterkenntnis und dem göttlichen Strom. Doch genau jenes Vertrauen ist oft das, was man am Weg am wenigsten entwickelt - bedeutet es doch das Loslassen des inneren Kritikers. In diesem berührenden Artikel beschreibt Nina Lassnig anhand der Reflexionen rund um das Vertrauen zum Lehrer, wie sie die Schönheit der vertrauensvollen Hingabe fand.

Mit dem Vertrauen ist es so eine Sache: Ich vertraue sehr wohl….WENN mein Verstand alle Punkte durchdacht und akzeptiert hat. Fällt nur ein einziger Punkt unter "negativ" (außer dem AIDS-Test und Ähnlichem...), dann ist die Sache gegessen, dann gibt es keine Chance mehr, mich dazu zu bekommen, etwas weiter in diese Richtung zu tun. Mein Verstand ist der Herr meines Lebens. Mein Verstand ist so messerscharf geschliffen, dass er mein butterweiches, warmes Herz, dessen Aufgabe es ja ist, alles aufzunehmen, alles anzunehmen und alles zu lieben - sogar den trennenden Verstand - mit Leichtigkeit in (scheinbare) Teile zerteilen und es aus seiner Ganzheit bringen kann.

Es kommt mir vor, dass der Verstand wie der Türsteher meines Herzens ist. Einer, der entscheidet, was rein darf und was draußen bleiben muss. Auch im zwischenmenschlichen Bereich hat der Verstand mehr zu sagen als das Herz. Jeder Mensch, der in mein Leben tritt, wird anhand einer imaginären Verstandesliste auf Herz und Nieren geprüft und NUR wenn er zu 100% entspricht, darf er rein. Aber immer unter strenger Beobachtung des Verstandes, der nur darauf wartet, denjenigen wieder vor die Tür zu setzen, sobald etwas nicht vorstellungsgemäß läuft. Ich kann mich erinnern, in der Schule, so im Alter von 13/14 hatte ich mal einen "Freund". Für ein paar Tage war er meine große Liebe. Dann beging er den Fehler seines Lebens: Er hatte das falsche Unterleibchen angezogen.... Es blitzte unter dem T-Shirt hervor als er sich bückte um etwas aus seiner Schultasche zu holen. Und es war das schrecklichste Unterleibchen, das man sich vorstellen konnte. Nein, mit diesem Mann gab es keine Zukunft. Ich trennte mich von ihm.

Der Verstand als Inquisitor

Alles, was in mein Leben kommt, unterliegt dieser strengen Prüfung des Verstandes. Alles muss den Kriterien des Verstandes entsprechen. Aber ich bin nicht oberflächlich. Mein Verstand versucht sehr wohl Menschen, Dinge, Situationen passieren zu lassen. Er versucht mit allen möglichen Erklärungsversuchen, mit Verstandesakrobatik und Willensanstrengung alle Dinge ins Herz zu lassen, alles annehmen zu können. Doch gibt es für vieles einfach keine Erklärungen oder keinen Sinn, viele Dinge SIND einfach, sie geschehen, ohne dass der Verstand es gutheißen könnte. Viele Dinge erweisen sich später als der reinste Segen. Hätte der Verstand damals das Sagen gehabt, sie wären alle nicht passiert, denn sie erfüllten "die Punkte" nicht. Und dennoch.... irgendetwas schien diese "Listen" herzlich wenig ernst zu nehmen. Aber wer? Wer war der heimliche "Verräter", der manchen Dingen, die der Prüfung nicht standhielten, heimlich die Hintertüre öffnete??

"Du vertraust mir nicht", sagte Matthias zu mir und brachte damit einen gewaltigen Stein ins Rollen. Stein ist vielleicht zu milde ausgedrückt, auch wenn er mit dem Beiwörtchen "gewaltig" behaftet wird. Es war ein Felsbrocken ungeahnten Ausmaßes. Wer hätte das gedacht... mein Verstand zumindest nicht. Denn was war so wichtig an diesem Vertrauen?? Ist doch egal, ob ich ihm vertraue oder nicht. Und außerdem vertraute ich ihm ja. Meistens. Erstens kenne ich ihn schon so lange und weiß, dass er immer ein vertrauenswürdiger Mensch war, und zweitens vertraute ich ihm sehr wohl - wenn er recht hatte. Manchmal hatte er eben unrecht, aber das macht ja nichts, wir sind ja alle nur Menschen. .... uuups.... Menschen..... Menschen? Vertraute ich da einem Menschen? Einem anderen Menschen? Vertraute ich mir überhaupt? Vertraute ich eher ihm oder eher mir bei den meisten Sachen? Irgendetwas kam da in mich und ließ dieses Thema nicht mehr los. Was meinte er damit?? Will er mich abhängig und hörig machen? Aber gerade ihm war es doch immer so wichtig, dass alle nicht an seiner Person hängen bleiben, sondern sich zu unabhängigen, freien und selbstbestimmten Menschen entwickelten? Hat er nicht sogar viele damit vor den Kopf gestoßen, die für alle Zeiten an seinen Lippen und seinem Rockzipfel hängen bleiben und einfach nicht loslassen wollten? Warum wollte er dann, dass ICH mich so ausliefere? So ohne zweifeln, unterscheiden, denken, hinterfragen, reflektieren.... Irgendwas war da faul an der Sache, irgendetwas konnte mein Verstand da noch nicht erfassen und vertrauensvoll als Geschenk des Lebens aufnehmen. hmmm.... vertrauensvoll als Geschenk des Lebens .... VERTRAUENsvoll als Geschenk des LEBENS aufnehmen.... hmmm.... ging es vielleicht gar nicht darum, dass ich der Person Matthias mein uneingeschränktes Vertrauen schenken sollte? Sondern dem LEBEN selbst? Warum sagt er das dann nicht einfach so? Wäre sicher leichter für meinen Verstand gewesen als so "hintenherum". Aber wäre es das wirklich gewesen? Hätte mein Verstand dann nicht sofort gesagt: "Ich vertraue dem Leben/Gott ja eh!"?. Und damit wäre die Sache erledigt gewesen. Ich vertraue allem, was geschieht, ich mag es zwar oft nicht, aber es wird schon seinen Grund haben, dass es geschieht. Ich muss nur herausfinden, was dieser Grund ist, und alles ist gut. Kann ich es erklären, kann ich es akzeptieren. Kann ich es nicht erklären..... dann kann ich es nicht gut heißen, kann ich es nicht aufnehmen, kann ich es nicht annehmen. Soviel zu meinem Vertrauen dem Leben, Gott, gegenüber also.....

Der Traum

In der folgenden Nacht träumte ich. Es war ein Traum, in dem wiedermal Wachen und Schlafen eins wurden, meine Gedanken im Traum konnte ich halbbewusst mitkriegen, ich konnte sie nicht durchgehend bewusst steuern, aber ich wusste, dass ich schlafe und mir Gedanken mache. Ich bin da in einer Situation, in der ich quasi neben mir stehe und beobachte, was ein anderer Teil von mir mit mir macht. Ich bin dann eigentlich nicht das, was da "tut", aber gleichzeitig bin ich das, was MIR zuschaut. Nur anders als am Tag ist der Teil, dem ich zuschaue, der "schlauere" Teil, der bewusstere Teil, obwohl das Bewusstsein hauptsächlich im weniger schlauen Teil ist. Kurz gesagt: Es ist, als ob ich im Traum Gott in meinem Traumkörper beobachte. Auf alle Fälle war ich eben wieder in dieser Phase und plötzlich wollte ich nicht mehr alles erklären, was dieser "Gottteil" da im Traum mit mir aufführte, ich hatte es so satt ständig Moderator zu spielen für all die Dinge, die da geschehen. Ich konnte spüren, wie mir im Traum die gedankliche Energie ausging, und plötzlich kam der bewusste Gedanke, jetzt einfach mal nur zu Vertrauen. Irgendwie dachte ich, dass ich ja eh träumte und von daher könnte ich es ja einfach mal riskieren dem ganzen zuzusehen ohne ständig mitkommentieren zu müssen. Wenn ich sterben sollte, würde ich einfach wieder aufwachen und nochmal einschlafen. Es war also kein Risiko. Gedacht - getan, ich VERTRAUTE einfach, vollkommen blind, ich gab mich hin ohne dem geringsten Widerstand. Auf einmal überkam mich eine unglaubliche Ruhe und Zufriedenheit. Ein Teil war ich und zeigte diesem Ruheteil, der auch ich war, viele verschiedene Situationen wie Krankheit, Schmerz und Leid und wollte den Zufriedenheitsteil warnen, dass es auch weniger schöne Sachen gibt. Aber der Ruheteil spürte bei all dem nur Zufriedenheit. Das einengende Gefühl des Verstandes war weg und das kräftezehrende Moderieren und Erklären erlaubten einer unglaublichen Freiheit, sich auszubreiten. Es war ein Wahnsinnsgefühl und der "Leid-zeigende" Teil war auf einmal völlig überzeugt davon, dass ihm nichts passieren konnte und wurde auch zum Frieden selbst. Und dieser Teil fühlte sich am Ziel, fühlte, dass es im Wachzustand genau so sein müsse, dass all die Erklärungen und Gedanken völlig umsonst sind, dass das Universum auch ohne Erklärungen auskommt und auch ohne meine Bemühungen nicht zerfällt. In dieser völligen Hingabe an diese Zufriedenheit schlief ich wirklich ein. Am nächsten Morgen hatte ich das wohlige Gefühl noch immer, aber es war eben ein wohliges Gefühl und ICH war getrennt von diesem wohligen Gefühl, das ich spürte. Im Laufe des Tages kam ich immer wieder in Situationen, in denen ich einfach nicht mehr nachdenken wollte, weil ich mich erinnerte, was ich im Traum erfahren hatte. Und für Bruchteile von Sekunden war das Gefühl wieder da, dieses weite, warme Vertrauen.

Ich vertraue

Seit diesem Traum versuche ich immer wieder meinen "Moderationszwang" in Zaum zu halten. Es gelingt mir nicht immer. Es gelingt mir nicht lange. Aber es gelingt mir manchmal. Das reicht im Moment. Diese "Manchmale" werden öfter werden, wenn ich immer mehr vertraue, wenn ich immer mehr loslasse, wenn ich immer mehr aufhöre, immer mehr Vertrauen, loslassen und aufhören zu WOLLEN. Ich möchte keine Theorien und Erklärungen mehr dazu aufstellen. Das, was ich gelernt habe, ist, dass es vollkommen irrelevant ist, ob ich Erklärungen mache oder nicht. Es passiert sowieso. Behafte ich es mit guten Gedanken, fällt es mir leichter, keine "Erklärungen" aus dem Ärmel schütteln zu müssen. Sind es schlechte Gedanken, so muss ich es mit großer Anstrengung in ein Erklärungmodell verpacken um es annehmen zu können. Habe ich keine Gedanken dazu, ist es aber auch so wie es eben ist.... es ist eine bewusste Entscheidung, ob ich es mir leicht oder schwer machen will. Und wer würde es sich da absichtlich schwer machen wollen.... richtig: (das) ICH.
Ebenso irrelevant ist es auch, ob ich "dem Matthias" vertraue, der Person Matthias. Das Einzige, das mein uneingeschränktes Vertrauen benötigt ist das Leben selbst, ist Gott. Aber wie kann ich es lernen? Wie kann ich Vertrauen, dass alles seine Richtigkeit hat, wenn ich noch nicht vertraue?? Bei Ramana Maharshi fand ich folgendes Zitat:

„Solange du die Verwirklichung des Selbstes suchst, ist der Guru nötig. Der Guru ist das Selbst. Nimm den Guru als das wahre Selbst und dich selbst als das individuelle Selbst. Das Verschwinden dieses Gefühls der Zweiheit ist die Beseitigung des Nichtwissens. Solange die Zweiheit in dir beharrt, ist der Guru nötig. Da du dich mit dem Körper identifizierst, hältst du auch den Guru für einen Körper. Aber weder du noch der Guru sind Körper. Du bist das Selbst und der Guru auch. Dies ist die Erkenntnis, die durch die Verwirklichung des Selbstes gewonnen wird.“ (Ramana Maharshi)

Wer ist "der Guru"? Eigentlich jeder außer mir selbst und: eigentlich niemand außer mir selbst.
Und als Erklärungsmodell: Ein "Guru" sollte jemand sein, der das Ego kennt, der sein Ego erlöst hat, damit er mich mein Ego erkennen lässt, jemand, mit dessen Ego mein Ego keine Kriege führen kann bzw. umgekehrt: der nicht einsteigt, wenn mein Ego Krieg führen will. Jemand, der mein Ego ignoriert und meine Göttlichkeit dahinter sieht, der mich meine Göttlichkeit sehen lässt. Dem ich blind vertraue, auch wenn ich die Sinnhaftigkeit dahinter nicht verstehe, denn ich weiß, dass er (im Moment noch) mehr erkennen kann als ich.

 

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